Foto oder Geschichte

Oder wo ist da der Unterschied?  

Ein gutes Foto entsteht nicht, weil der Fotograf auf den Auslöser drückt. Das ist im Sinne des Wortes nur der letzte Abdruck. Zuvor hat er ein Motiv gefunden, gesehen, wahrgenommen. Er hat sich angenähert, den besten Blickwinkel gewählt, auf den Hintergrund geachtet, das Licht abgeschätzt. 
Ganz ähnlich ist es beim Erzählen von Geschichten, egal ob sie kurz sind oder einen Roman füllen. Die Welt, unser Leben, der Alltag platzt vor Motiven. Als Autorin wähle ich zunächst einmal aus. Passt das Thema zu dem Genre, in dem ich schreibe, in dem ich mich wohlfühle. Genre benennt die Gattung des literarischen Werkes. Das kann ein Krimi sein, ein Liebesroman, ein historischer Roman, ein Sachbuch, ein Reiseführer oder irgendetwas anderes. 
Ich persönlich schreibe für Frauen, aus der Sicht einer Frau. Eignet sich das Thema, das ich gefunden habe, für diese Gattung? Dokumentationen über den tibetischen Schneeleoparden verfolge ich mit Schnappatmung, das Schmelzen der Gletscher bereitet mir große Sorgen, aber über keines dieser Themen werde ich einen Frauenroman schreiben. Passt einfach nicht zusammen. 
Kürzlich stand an der Supermarktkasse eine Frau vor mir, die eine dunkle Sonnenbrille trug. Im Sommer nicht ungewöhnlich, an der Supermarktkasse aber doch. Da schaut man verstohlen genauer hin. Dann sieht man den grüngelben Fleck, der unter dem Brillenrand bis zur Nase reicht. Eine traurige Wahrnehmung, die aber hängenbleibt, weil sie in mein persönliches Genre passt. Deshalb beginne ich nicht morgen einen Roman über häusliche Gewalt, aber vielleicht ist es die Initialzündung für etwas anderes. 


Ich sehe was, was du nicht siehst

Ein Kinderspiel, das die meisten kennen. Worum geht es? Nichts und niemand ist versteckt, alle Beteiligten haben das gleiche Bild und den gleichen Zugriff. Trotzdem „sieht“ der Fragesteller etwas, was die anderen „suchen“ müssen. 

Im übertragenen Sinne kann man so das Prinzip des Lektorates erklären. Als Autorin habe ich meinen Plot, den Handlungsstrang, entwickelt und auf dieser Basis das Manuskript geschrieben. Ein Weg von A nach Z mit allen Umwegen, Sackgassen und Rutschpartien, die so ein Frauenroman, wie ich ihn schreibe, zu bieten hat.  

So ein Spaß, und das nennt sich dann Arbeit? Spaß stimmt, aber damit hört es nicht auf. 

Weiter geht es mit der eigenen Überarbeitung des Textes. Ist die Handlung stimmig? Sind die Figuren lebendig und authentisch beschrieben? Gibt es einen knackigen Spannungsbogen? Immer und immer wieder dreht und wendet man das Geschriebene, korrigiert hier, fügt da ein, streicht dort. Bis man zufrieden ist wie Bolle. Toller Text! Daran ist doch nun wirklich nichts mehr auszusetzen. Das glaubt man genau so lange, bis man das lektorierte Werk mit herzlichen Grüßen zurückerhält.  

Die eigenen Augen werden beim Lesen immer größer. Wie konnte man das denn übersehen? Wieso ist man nicht selbst darauf gekommen? 

Weil man blind wird, betriebsblind genau gesagt. Man „überliest“ sogar ganz banale Rechtschreibfehler, was dann nach dem Lektorat auch noch ein Korrektorat nötig macht. 

Dauert eine Weile, bis so ein Baby in trockenen Tüchern für die Veröffentlichung ist. Der Ultraschall zeigt: Es wird wieder ein Buch! 

Stil ist mehr, als eine Seite des Besens 

Die Wertigkeit eines guten Lektorates habe ich euch schon einmal dargestellt. Die passende Wellenlänge, die stimmige Chemie zu finden, ist für Autoren ungefähr so schwierig wie bei einem Arzt. Man muss sich öffnen, legt Texte, die mit Herzblut geschrieben sind, in fremde Hände und bittet um klaren Blick und konstruktive Kritik. Das stellt an jedes Lektorat hohe Ansprüche und ich bin sehr froh, im richtigen Hafen angekommen zu sein. 
 Aber was ist es denn eigentlich, was diesen ominösen Stil so entscheidend macht? 

Ein fiktives Beispiel: 

Sie war eine rattenscharfe Bitch und dabei unschuldig wie ein neugeborenes Lamm. Oder war das ihre Masche? Setzte sie den verträumten Augenaufschlag ganz bewusst ein, bei dem sich sein Prachtstück spürbar aufstellte wie ein Silberrücken im Dschungel? Sebi verkniff sich ein Grinsen. 
 

Zitat aus Kaleidoskop - Liebe in Bewegung: 

Was als Zugeständnis von Sebastian gedacht war, um es ihr in der zweifellos schwierigen Situation nicht noch schwerer zu machen, war ein Band geworden. Erst hauchzart, wie ein von Spinnen gewobener Faden, der im Sonnenlicht glänzte und dabei immer haltbarer wurde. 
Beide Textbeispiele beschreiben eine Verbindung zwischen Mann und Frau, beide sprechen Emotionen an, bei beiden springt das Kopfkino an. Aber zum selben Thema werden unterschiedliche Filme gespielt, werden in einer ähnlichen Zielgruppe unterschiedliche Vorstellungen angesprochen. Das ist eine Frage des Stils. Über den entscheidet die Autorin, den muss die Lektorin nachvollziehen können.  Und das, liebe Leserinnen, unterscheidet das Lektorat von KI. Ein Algorithmus kann ein Problem schrittweise lösen, je mehr Datenvolumen desto vielschichtiger die Lösung. Nur eins fehlt: die Empathie. 
 

Genießen wir das Kino im Kopf und lassen KI die ärgerlichen Netzwerkprobleme lösen!